Astronode
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Astronode
Astrologische Bücher

Leseprobe

Nicholas Campion

Das Buch der Welthoroskope

DAS THEMA DIESES BUCHES UND DIE UNSICHERHEIT DER ASTROLOGIE

Astrologiebücher bestehen hauptsächlich aus Regeln zur Interpretation tion von Horoskopen, und der Anfänger wird leicht zu der Überzeugung verleitet, er könne, nachdem er diese Regeln gelernt hat, aus allen möglichen Horoskopen befriedigende Interpretationen entwickeln und sogar exakte Voraussagen machen. Doch er wird bald auf Probleme stossen und feststellen, dass die Synthese aller relevanten Faktoren in einem Horoskop das letzte Stadium ist, bei dem es so etwas wie unveränderlich feststehende Regeln nicht gibt. Die sogenannten Regeln sind nichts weiter als Leitlinien oder Hinweisschilder, die dem Astrologen in gewisser Weise einen Weg für die Interpretation weisen, in der Hoffnung, dieser Weg führe zur richtigen Antwort. Das Horoskop ist eine Landkarte, und die Astrologie ist die Sprache, die es dem Astrologen erlaubt, die Wegweiser und Symbole zu entziffern - aber dennoch werden kaum zwei Astrologen am gleichen Ort beginnen und enden.

Die Ziele der verschiedenen Astrologen sind sehr unterschiedlich: Der eine Astrologe sucht eine psychologische Erklärung, der andere eine spirituelle Erfahrung, wieder einen anderen interessiert die Voraussage künftiger Ereignisse. Und jene Astrologen, die schlussendlich tatsächlich den gleichen Endpunkt erreichen, werden auf verschiedenen Wegen dorthin gekommen sein. Manche setzen moderne Techniken ein, manche ältere, manche ein «Trigon» und manche ein «Quadrat». - Die ereignisorientierte Astrologie scheint aus diesen Gründen ihrem Wesen nach unzuverlässig zu sein.

Die Probleme werden noch grösser, wenn man sich mit der Mundan-Astrologie beschäftigt. Während der Stundenastrologe nur eine begrenzte Anzahl von Faktoren berücksichtigen muss und der Individualastrologe – der sich mit Radixhoroskopen beschäftigt – es mit Menschen zu tun hat, deren Persönlichkeit und Bestrebungen relativ klar definiert sind, bezieht der Mundan-Astrologe die ganze Welt in seine Überlegungen mit ein – und damit alle Möglichkeiten, die in dieser Welt existieren, ob sie politischer, sozialer, ökonomischer, geographischer oder psychologischer Natur sind. Allein schon die Menge der Informationen, ob sie astrologischen oder anderen Ursprungs sind, mit denen sich der Mundan-Astrologe beschäftigen muss, vervielfacht hier den Arbeitsaufwand gegenüber der Geburtsastrologie oder der Stundenastrologie — und entsprechend vielschichtig sind auch die Interpretationsmöglichkeiten.

DER MANGEL AN MUNDANEN EREIGNISSEN

Die Unsicherheit der Mundan-Astrologen wird noch verstärkt durch die Seltenheit jener Ereignisse und Situationen, die ihre Arbeitsgrundlage bilden. Obwohl die umfassende Berichterstattung in Zeitschriften und Fernsehen über aktuelle Ereignisse den Eindruck vermittelt, wir lebten in einer von Kriegen, Gewalt, Konflikten und wirtschaftlichen Katastrophen geprägten Welt, ist dieser Eindruck irreführend, denn in unserer Welt mit etwa dreihundert souveränen Staaten und Millionen von Firmen sind Kriege, Revolutionen und Streiks dennoch überraschend selten. In den letzten zwanzig Jahren gab es auf der ganzen Welt nur vier echte Revolutionen — im Iran, in Kambodscha, in Nicaragua und in Portugal —, durchschnittlich also eine in jeweils fünf Jahren (ich schliesse hier jene Staaten aus, in denen es Staatsstreiche gab oder in denen die Regierungen abgesetzt wurden, ohne dass sich die Lebensverhältnisse der Menschen verändert hätten). Dennoch gibt es jedes Jahr etwa ein halbes Dutzend planetarischer Konfigurationen, die ein revolutionäres Potential anzeigen, und ebenso vielleicht dreissig oder vierzig Länder, in denen ein entsprechendes Ereignis zu erwarten wäre. Tatsache ist aber, dass diese Konfigurationen sich durch eine unendliche Vielfalt unterschiedlicher Ereignisse manifestieren können, und darum kann sich auch der beste Astrologe bei vielen Gelegenheiten irren.

ASTROLOGIE UND MASSEN

Warum schlagen sich mächtige astrologische Konstellationen so selten in entsprechend grossen Ereignissen nieder? Soweit es um Ereignisse geht, die den Menschen betreffen, liegt die Antwort auf der Hand. In grossen Menschengruppen ist es schwer, zu einer Entscheidung zu kommen, und an manchen mundanen Ereignissen können Hunderte oder sogar Hunderte Millionen von Menschen beteiligt sein. Das Bewusstsein ist also ein Gruppenbewusstsein, das leicht der Trägheit anheimfällt und allzu oft von materiellen Umständen abhängt. Man sagt häufig, mundane Ereignisse seien viel stärker vorbestimmt als das Leben eines einzelnen. Dies sei der Grund dafür, dass Gruppen irrational, hysterisch oder gewalttätig reagierten; die Gruppe billige oft Verhaltensweisen, die beim einzelnen geächtet seien. Doch trifft auch das Umgekehrte zu, und viele Länder der Welt sind gerade wegen eines bestimmten Gruppenbewusstseins ausgesprochen friedlich. England ist ein bemerkenswertes Beispiel – abgesehen von gelegentlichen Unruhen sind seit dem letzten Bürgerkrieg immerhin dreihundertfünfzig Jahre vergangen. Indonesien hat die Politologen verwirrt, denn obwohl es dort alle einschlägigen sozioökonomischen Schwierigkeiten gibt, ist bisher noch keine Revolution ausgebrochen. Andere Staaten dagegen sind für ihre Instabilität bekannt, obwohl die materiellen Bedingungen möglicherweise sogar besser sind als in jenen Ländern, die nicht zusammenbrechen. Anders ausgedrückt sieht sich der Mundan-Astrologe zwei Problemen gegenüber: Einmal ist das Wesen, mit dem er sich beschäftigt – das kollektive Bewusstsein –, weit grösser als das individuelle Bewusstsein und entsprechend schwerer zu verstehen. Zweitens wird der Ausdruck dieses Bewusstseins ein materieller sein, was erheblich mehr Verständnis erfordert als der Umgang mit einem einzigen Klienten.

Ein gutes Beispiel für die Wechselwirkung zwischen Gruppenbewusstsein und materieller Welt bei historischen Ereignissen ist das Deutschland unter Hitler. In dieser traumatischen Zeit wurden entsetzliche Kräfte freigesetzt, um deren Verständnis wir uns heute noch bemühen. Orthodoxe Historiker haben recht anschaulich gezeigt, dass der Aufstieg der Nazis mit einer Reihe wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen erklärt werden kann – etwa mit der Industrialisierung, durch die viele fähige Handwerker arbeitslos wurden, was zu einem Hass auf das bestehende politische System geführt hat und die Bereitschaft förderte, Hitlers Traum von einem neuen Deutschland zu verfallen. Zwar können sich wirtschaftliche Schwierigkeiten in politischen Unruhen niederschlagen, doch ist diese Argumentation zur Erklärung des Phänomens «Nationalsozialismus» völlig unzureichend. Manche Historiker erklären den Nationalsozialismus aus dem psychologischen Trauma nach der Niederlage der Deutschen im ersten Weltkrieg oder mit dem deutschen Nationalcharakter. Erst der Psychologe C. G. Jung konnte jedoch die Theorie des kollektiven Unbewussten entwickeln und dessen Rolle in der Geschichte aufzeigen. Jungs Erklärung des Nationalsozialismus geht davon aus, dass der lang unterdrückte Archetypus des alten Teutonengottes Wotan plötzlich in der deutschen nationalen Psyche durchgebrochen sei.

Jungs Theorie ist sehr griffig, da sie den materialistischen Ansatz der Geschichtswissenschaft ergänzt und zugleich dem Astrologen neue Gedanken anbietet. Aber immer noch bleiben einige Probleme zu lösen, und auch Jungs Arbeit konnte das Problem der Unsicherheit, die der Astrologie innezuwohnen scheint, nicht lösen.

PHILOSOPHISCHER HINTERGRUND - PLATONISMUS

Jungs Theorie des kollektiven Unbewussten und seiner Archetypen geht im Grunde auf den platonischen Glauben an eine ideale Welt mit idealen Formen zurück. Alle Erscheinungen der materiellen, im Werden befindlichen Welt seien Schatten oder Reflexionen jener ldeale. Derartige Überzeugungen lassen sich bis zu den frühesten animistischen Religionen zurückverfolgen, die davon ausgingen, dass alle physische Materie das Göttliche enthielte und dass in allen Dingen, einschliesslich der Sterne, Götter und Göttinnen, verkörpert seien.

Solche Überzeugungen werden idealistisch genannt, weil sie das Bewusstsein — das Reich der ldeen — auf eine höhere Stufe stellen als die Materie. Demgegenüber gehen materialistische Überzeugungen (wie sie vor allem von Wissenschaftlern, Marxisten und Verhaltensforschern vertreten werden) davon aus, dass Bewusstsein und Ideen blosse Nebenprodukte der Materie seien. So glaubt man beispielsweise, unser Bewusstsein sei das Resultat unserer Gehirntätigkeit in Verbindung mit materiellen Umständen.

Die Astrologie ist streng idealistisch, und der ldealismus postuliert eine der menschlichen Erkenntnis inhärente Ungewissheit. In animistischen Religionen ist die Zukunft unbekannt, weil Götter und Göttinnen ihre Pläne und Absichten verändern können. In der platonischen Philosophie ist alles durch das Studium der materiellen Welt gewonnene Wissen unsicher, weil die Welt ein Trugbild und eine Illusion sei, der Schatten einer idealen, wirklichen Welt.

Und doch besteht in der Astrologie ein Paradoxon: Obwohl dem Wesen nach idealistisch, werden ihre Aussagen aus der Untersuchung von Bewegungen der Sterne und Planeten, also mit Hilfe physischer Körper, gewonnen. Aus diesem Grund haben sich streng platonische Philosophen ironischerweise immer wieder gegen die Astrologie ausgesprochen, und die schärfsten Kritiker unserer Kunst waren Platoniker. Nichtsdestotrotz gilt der Platonismus im Westen als vorherrschende Philosophie der Astrologie.

DIE NATUR DER ASTROLOGIE

Welche Wirkung hat nun dieses Paradoxon auf die astrologische Arbeit? Überraschenderweise zeigt die Antwort gerade eine Stärke der Astrologie auf. Das Überleben der Astrologie seit viertausend Jahren gründet sich auf ihre Fähigkeit, im Gegensatz zu allen anderen Künsten oder Wissenschaften gleichzeitig das physikalische und metaphysische Verständnis der Existenz handhaben zu können. Die Astrologie ist orakelhaft und dient der Weissagung, sie kann sogar magische Züge annehmen, während sie zugleich doch auf so handfesten Dingen wie der Bewegung der Sonne, dem Ablauf der Jahreszeiten und dem Wechsel von Tag und Nacht oder Sommer und Winter beruht. Sie ist die einzige Wissenschaft, unter deren Banner die fragmentarischen Wissensbereiche vereint werden können. Manche Astrologen bezeichnen ihr Metier als Kunst, manche geben ihm den Rang einer Wissenschaft, manche nennen die Astrologie eine Art von Psychologie oder eine Form der Weissagung. In Wirklichkeit aber wird keine Erklärung, Beschreibung oder Definition für sich allein ausreichen, da die Astrologie ihrem eigenen Anspruch gemäss alles umfassend ist. In modernen Begriffen ausgedrückt bedeutet dies, zugleich die rechte und die linke Gehirnhälfte zu benutzen, also Vernunft und Logik einerseits und Unvernunft und Intuition andererseits.

Der moslemische Astrologe des zehnten Jahrhunderts, Abu Ma'shar, der angeblich das Claudius Ptolemäus zugeschriebene Centiloquium verfasst haben soll, muss dies bereits begriffen haben. Im ersten Aphorismus des Centiloquium wird die Natur der astrologischen Praxis beschrieben:

Das Urteil muss ebenso durch sich selbst wie mittels der Wissenschaft geprüft werden; denn es ist unmöglich, dass bestimmte Ereignisse von einem Menschen allein gedeutet werden, wie wissenschaftlich auch immer. Schliesslich bildet sich im Verständnis nur eine gewisse allgemeine Idee eines konkreten Ereignisses, nicht aber dessen besondere Form heraus. Wer sich also hierin übt, muss zu Schlussfolgerungen greifen. Nur der vom Göttlichen Inspirierte kann Konkretes voraussagen.

Zugegeben, der Autor des Centiloquium hat übertrieben, denn selbstverständlich ist es möglich, allein auf der Wissenschaft (das soll heissen auf strenger Beachtung der astrologischen Regeln) beruhende Urteile zu entwickeln. Doch er weist mit Recht darauf hin, dass zur astrologischen Praxis noch mehr gehört. Wichtig ist sein Hinweis, dass die Wissenschaft — die Regeln der Astrologie — durch die der Astrologie innewohnende Ungewissheit unzulänglich und verwässert werde, was es nötig mache, «zu Schlussfolgerungen zu greifen». Tatsächlich ist es nur den «vom Göttlichen Inspirierten» möglich, «Konkretes vorauszusagen». Moderner ausgedrückt können nur jene, die auch ihre intuitiven oder hellseherischen Fähigkeiten einsetzen (die im übrigen jeder Mensch besitzt, wenn sie auch nicht jeder benutzt), exakte Voraussagen machen. Dennoch muss der Astrologe mit Vernunft zu Werke gehen - «das Urteil muss durch sich selbst geprüft werden» (siehe Abb. 1).

Abbildung 1

Dieses Buch zielt ausschliesslich auf die astrologische Wissenschaftlichkeit. Die Sammlung exakter Daten soll dem Astrologen Werkzeuge in die Hand geben, mit denen er seine Arbeit besser als in der Vergangenheit verrichten kann. Ausgeschlossen ist allerdings, dass durch eine Sammlung exakter Horoskope aus einem schlechten Astrologen ein guter wird, und ebensowenig kann dieses Buch jene Unsicherheit beseitigen, die im Wesenskern der Astrologie begründet liegt.

Es wäre ohnehin keine Hilfe, wenn diese Unsicherheit behoben werden könnte, denn gerade auf dieser Ungewissheit beruht unsere Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und die Erfordernisse des Schicksals in die Erfüllung unserer Bestimmung umzuwandeln. So fährt der Verfasser des Centiloquiums fort: «Ein scharfsinniger Geist fördert das Wirken des Himmels, wie ein geschickter Bauer durch Kultivierung die Natur fördert.»

GESCHICHTE, MYTHOLOGIE UND ASTROLOGIE

Die Analyse von Veränderungen im kollektiven Unbewussten ist eine Frage subjektiver, persönlicher Urteile. Für sich selbst genommen können solche Veränderungen nicht gemessen oder quantifiziert werden. Die zugehörige Bewertung von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Zyklen ist abhängig von Qualität und Art der gesammelten Daten und den persönlichen Neigungen und Erwartungen der beteiligten Wissenschaftler. Jeder Ansatz, die beiden Ebenen in Verbindung zu bringen, ist mit Unsicherheit verbunden und kann leicht widerlegt werden. Deshalb muss betont werden, dass Modelle, in welchen beide Ebenen verbunden werden, nicht als exakte Beschreibungen objektiver Zustände gedacht sind, sondern als Versuche, etwas Licht auf die Lebensbedingungen der Menschen, auf den Fluss der Zeit und auf geschichtliche Ereignisse zu werfen. In diesem Sinne sind derartige Modelle mit den Mythen vergleichbar, die von klassischen Historikern als moralische Lektionen benutzt worden sind. Sie können Einsichten in einen Ablauf bieten, der sonst auf eine bedeutungslose Abfolge von Schlachten und Daten reduziert würde. Ein solches Geschichtsverständnis wird als «substantialistisch» bezeichnet, da es sich eher mit der Substanz als mit den vergänglichen menschlichen Dingen beschäftigt. Diese Substanz aber lässt sich nicht statistisch analysieren. Vielmehr kann man sie nur mit Hilfe von Mythen oder der Philosophie fassen, und tatsächlich wurde die Astrologie bis zum siebzehnten Jahrhundert als wesentlicher Bestandteil dieses substantialistischen Geschichtsverständnisses betrachtet.

Doch muss der substantialistische Historiker die Astrologie mit Vernunft betrachten, denn sonst könnte seine Arbeit allzu leicht zu einer blinden Suche nach okkulten Erklärungen oder einem bequemen Glauben an göttliche Eingriffe degenerieren.

DIE NOTWENDIGKEIT DIESES BUCHES

Diese Horoskopsammlung schliesst eine Lücke, die bereits 1951 von Charles Carter beschrieben wurde. Carter sprach über das Versagen der Mundan-Astrologie im Zweiten Weltkrieg und erläuterte, was man dagegen tun sollte:

Natürlich bestand während des Zweiten Weltkrieges grosses Interesse an der politischen Astrologie, und meine Aufmerksamkeit richtete sich genau wie die vieler anderer besonders auf dieses Gebiet. Es wurde bald klar, dass wir neue Methoden und erheblich umfangreichere und verlässlichere Datensammlungen brauchten. Doch das war leichter gesagt als getan.

Andere Kollegen haben sich mit der Suche nach neuen Methoden beschäftigt. Dieses Buch soll nun ein erster Schritt zum Aufbau einer adäquaten Datensammlung sein. Ich bin nicht der erste, der Carters Arbeit fortsetzt – an dieser Stelle müssen zwei frühere Präsidenten der «Astrological Lodge», Chester Kemp und Derek Appleby, genannt werden.

Der moderne Astrologe mag sich wundern, dass Staatshoroskope eine relativ neue Erfindung sind. Das erste bekannte politische Horoskop ist zweitausendfünfhundert Jahre alt, was sich aus der Tatsache erklärt, dass die Astrologie sich ursprünglich mit der Politik beschäftigte. Dennoch benutzte noch zu Beginn dieses Jahrhunderts kaum ein Astrologe die Horoskope von Ländern. Statt dessen verliess man sich fast ausschliesslich auf Ingresse und Horoskope für Mondphasen und verband diese mit den astrologischen Herrschaftsbeziehungen für Länder, wobei man hauptsächlich auf Ptolemäus' Tetrabiblos zurückgriff. Man erstellte Horoskope für Städte, Politiker, Könige und Ereignisse wie Krönungen und Wahlen, aber nicht für Staaten. Die möglichen Gründe dafür habe ich bereits im Buch Mundan-Astrologie erörtert. Ich ging dabei davon aus, dass der Nationalstaat in der menschlichen Geschichte ein relativ neues Phänomen ist. Zu Beginn unseres Jahrhunderts diskutierte man in astrologischen Zeitschriften die Nützlichkeit der astrologischen Herrschaftsverhältnisse für geographische Bereiche, etwa Palästina, und für Völker, etwa die Juden. Diese beiden Aspekte im Horoskop eines Nationalstaates zusammenzufassen – einer politischen Institution in einem definierten geographischen Bereich –, kam den Mundan-Astrologen anscheinend nicht in den Sinn.

Das früheste dem Verfasser bekannte Staatshoroskop wurde 1787 von Ebenezer Sibly für die USA veröffentlicht. Carters 1951 erschienenes Buch Political Astrology war der erste britische Text, der sich ernsthaft mit diesen Horoskopen beschäftigte.

Das in diesem Buch vorgestellte Material geht deshalb fast ausschliesslich auf neuere Forschungen zurück. Siblys Horoskop für die USA war das einzige nicht-britische Horoskop, das vor der Jahrhundertwende in England veröffentlicht worden war.

MUNDAN-ASTROLOGIE UND INDIVIDUUM

Man hört heute viel über die «holistische» Natur der Astrologie, aber leider muss man sagen, dass gerade jene, die am lautesten diese Wahrheit verkünden, häufig nur geringes Wissen über das Thema besitzen. Meist sind sie «spirituelle», psychologisch arbeitende Individualastrologen, die nichts von der Stundenastrologie verstehen und auch die Mundan-Astrologie nur oberflächlich kennen. Aber der Geburtsastrologe, der nichts über die anderen Zweige der Astrologie weiss und in ihnen keine Erfahrung hat, arbeitet ebensowenig ganzheitlich wie ein moderner Arzt, der Symptome statt Ursachen behandelt oder nur einen Teil des Körpers untersucht und den Rest ignoriert. Schlimmer noch, die beschränkten Erfahrungen in der Astrologie, wie sie aus der ausschliesslichen Beschäftigung mit der Geburtsastrologie entstehen, führen zu einem begrenzten Verständnis der Astrologie insgesamt.

In den ersten zweitausend Jahren nach ihrem Entstehen befasste sich die Astrologie ausschliesslich mit dem Kollektiven, und weitere zweitausend Jahre lang beschäftigte sie sich zugleich mit dem Kollektiven und dem Individuum. Erst heute, im 20. Jahrhundert, versteht man den Begriff «Astrologie» fast ausschliesslich als Geburtsastrologie. Das ist bedauerlich, denn der einzelne ist nach wie vor ein Teil der Masse, und indem sich Astrologen in diesem Jahrhundert so sehr mit Individuen beschäftigten, verfestigen sie ein Problem, das sich in der Entfremdung der Individuen von ihrer Umgebung manifestiert.

In Wirklichkeit ist die Geburtsastrologie genauso in der Mundan-Astrologie enthalten, wie das Individuum im Kollektiven enthalten ist. Indem Menschen das Kollektive ignorieren, berauben sie sich ihrer persönlichen Fähigkeit, die Entwicklungsrichtung des Kollektiven zu beeinflussen. Indem sie die Mundan-Astrologie ignorieren, stören die Astrologen das Gleichgewicht ihrer Kunst.

DIE DOKTRIN DER SUBSUMTION

Charles Carter verdanken wir die Formulierung der Doktrin der Subsumtion. Diese besagt, dass Geburtshoroskope in Gruppenhoroskopen subsumiert, also eingeordnet und enthalten seien, und die Horoskope für kleine Gruppen seien in jenen grösserer Gruppen enthalten (siehe dazu Abb. 2):

Heute scheint sich das astrologische Interesse hauptsächlich auf die Horoskope von Individuen, auf Geburtshoroskope zu richten. Tatsächlich aber kann ein Geburtshoroskop nicht isoliert von der sozialen Umgebung betrachtet werden, die astrologisch durch umfassendere Horoskope ausgedrückt werden könnte. Ist es denkbar, dass die Geburtshoroskope aller Opfer von Hiroshima den Tod und die Vernichtung anzeigen, die an jenem schrecklichen Tag im August des Jahres 1945 über sie gekommen ist? Vielleicht – aber dennoch wäre das Horoskop der Stadt, hätte man es untersuchen können, gewiss eine grosse Hilfe bei der Auswertung ihrer Geburtshoroskope gewesen.
Abbildung 2

Fast genau zweitausend Jahre früher, etwa 44 v. Chr., sagte Cicero, ein Kritiker der Astrologie, etwas ganz Ähnliches: «Hatten alle Römer, die in Cannae fielen, das gleiche Horoskop? Schliesslich fanden sie alle das gleiche Ende.» Die Frage wartet seit zweitausend Jahren auf eine Antwort. Vielleicht irrte Carter sich, als er glaubte, man könne eine Antwort auf diese Frage finden. Aber wenn wir es nicht versuchen, werden wir es nie herausfinden.

Die Doktrin der Subsumtion beruht auf der Natur der Astrologie, wie sie in der hermetischen Tradition formuliert worden ist. John Addey sagt:

Die Astrologie gehört ihrem Wesen nach zu dieser Tradition, die den ganzen manifesten Kosmos und alles in ihm als Ausdruck einer Hierarchie von Prinzipien sieht, die von der Einheit zur Vielfalt weiterschreitet und bei der jedes höhere Prinzip auf den jeweils tieferen Ebenen eine Reihe von Effekten bewirkt.

Dieses Modell ist kein völlig befriedigender Ansatz zur Beschreibung der Astrologie, denn es ist schwer, Ereignishoroskope für Flugzeugabstürze, Raumflüge oder Gasexplosionen einem bestimmten Ort zuzuordnen, besonders dann, wenn bei Erfolg oder Versagen das Ausmass der menschlichen Beteiligung im Verhältnis zu mechanischen Komponenten nicht einzuschätzen ist. Auch die Stundenastrologie hilft hier nicht weiter, solange man sie nicht als divinatorische Abkürzung sieht, welche die Sphären menschlicher Existenz umgeht und direkt ins Reich der Wahrheit vorstösst. Die Doktrin der Subsumtion zielt vor allem auf Horoskope für Menschen und ihre Gesellschaft, wenn auch auf höherer Ebene das Ganze im Horoskop für die Welt enthalten ist (vgl. Anhang VIII).


Buchcover Welthoroskope

Nicholas Campion
Das Buch der Welthoroskope
Edition Astrodata, Wettswil, 1991

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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