Astronode
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Astrologische Bücher

Leseprobe

Melanie Reinhart

Chiron - Heiler und Botschafter des Kosmos

 

Chiron in der Waage oder im siebten Haus

Ich suchte, aber ich konnte dich nicht finden.
Ich rief deinen Namen auf dem Minarett,
Ich läutete die Tempelglocke des Morgens und am Abend,
Ich suchte dich auf der Erde, ich suchte dich im Himmel,
Geliebter, aber schliesslich fand ich dich
Als Perle versteckt in meinem Herzen.
Hazrat Inayat Khan, Gayan, Vadan, Nirtan

Bei dieser Stellung sind Beziehungen von überragender Bedeutung, und in anderen Menschen begegnen wir Chiron in all seinen vielfältigen Facetten. Wir gehen ins Feuer und werden oft verbrannt. Nicht selten erleben wir Wiederholungen der früheren Beziehung zum Elternteil des jeweils anderen Geschlechts. Wir beginnen zu glauben, Beziehungen seien gefährlich und sollten gemieden oder wenn schon, dann nur unter grossen Vorsichtsmassnahmen angegangen werden. Die Folgen sind Kummer, Isolation und eine Verteidigungshaltung, bis wir die Ursache der Wiederholungen erkannt haben. In unserer Kindheit haben wir möglicherweise unter destruktiven Beziehungen gelitten oder überhaupt keine Bezugspersonen gehabt. Unsere Feindseligkeit, Rachsucht und unser Konkurrenzdenken (Schatten des ersten Hauses und des Widders) verbergen wir hinter einer Maske falscher Höflichkeit.

Deshalb haben wir vielleicht eher gelernt, uns zu verteidigen, statt Beziehungen einzugehen, und die Dinge werden dadurch noch komplizierter, dass der Feind im Grunde unsichtbar bleibt. Gefühle, die nicht ausgedrückt werden, verletzen uns stärker als solche, die, auch wenn sie unangenehm sind, offen anerkannt werden. Wir haben möglicherweise gelernt, allen zu gefallen und unseren Mitmenschen das zu sein, was diese erwarten, um Konflikten von vornherein aus dem Weg zu gehen. Wir leiden an einer Überdosis der Diplomatie und des Taktgefühls der Waage und sind furchtsam, spröde und defensiv, denn mit Chiron in der Waage oder im siebten Haus reagieren wir besonders stark auf zwischenmenschliche Konflikte. Der Grund liegt vielleicht in den offenen oder verdeckten Konflikten, die wir in der Kindheit erlebten. Paradoxerweise ist auch dies ein Beispiel dafür, dass die Wunde durch das Schwert geheilt wird, das sie schlug: Mit Chiron in der Waage oder im siebten Haus sind wir aufgerufen, auch in konfliktbeladenen Situationen schöpferisch zu bleiben, fair zu kämpfen und im Laufe der Zeit zu lernen, auf Beziehungen zu vertrauen.

In der Waage oder im siebten Haus findet die erste Begegnung mit dem «anderen» statt - mit anderen Menschen, aber auch mit dem «anderen» in uns, mit unserem Schatten oder unserem Unbewussten. Qualitäten, die von Planeten im siebten Haus vertreten werden, lernen wir oft «da draussen» durch Projektion auf andere kennen, die in uns starke Emotionen wecken. Mit Chiron in der Waage oder im siebten Haus lernen wir, indem wir uns selbst im Spiegel anderer Menschen wiedererkennen und indem wir die Verschiedenheit und Getrenntheit an-derer Menschen berücksichtigen. «Wo der andere ist, da ist die Angst», lautet ein Spruch in den Upanishaden. Diese Chiron-Stellung verstärkt unsere Neigung, auf andere Menschen zu reagieren, als seien sie eine Erweiterung von uns selbst. Unsere emotionalen Reaktionen auf sie haben eher mit uns selbst als mit ihnen zu tun. Wir stossen in Beziehungen auf Schwierigkeiten, weil wir glauben, andere kämpften gegen uns; in Wirklichkeit kämpfen sie aber gegen das Bild, das wir ihnen überstülpen wollen. Auf diese Weise entwickeln sich emotionale Fesseln, Beziehungen werden für alle Beteiligten zerstörerisch und lösen sich irgendwann wieder auf.

Da Chirons Symbolik ohnehin schon eine unbehagliche Spannung zwischen unversöhnlichen Gegensätzen einschliesst, verstärkt dieser Planet unsere Neigung, seine Themen stellvertretend auszuleben. So könnten wir uns unbewusst auf die Rollen verlegen, die mit Chiron assoziiert werden: auf den Verletzten, den Heiler oder den Lehrer, den Schüler, den Ausgestossenen, den Erlöser, den Helden und den Verletzenden. Wenn wir Menschen anziehen, die jeweils das Gegen-teil verkörpern, dann lernen wir bei dieser Chiron-Stellung eine Menge über uns selbst, indem wir die Menschen betrachten, zu denen wir uns hingezogen fühlen und die wir anziehen, denn diese Menschen symbolisieren unsere eigenen Potentiale oder Schwächen.

Wenn wir beispielsweise immer wieder lebensuntüchtige Menschen anziehen, dann könnte das bedeuten, dass wir ein eigenes schmerzliches Versagen nicht anerkennen wollen, oder dass wir diese Menschen brauchen, um uns machtvoll zu fühlen. Suchen wir Beziehungen zu dominierenden Menschen, dann kann dies bedeuten, dass wir unsere eigene Macht nicht in Besitz genommen haben. Wenn wir uns in Beziehungen immer wieder als Opfer fühlen, müssen wir nach und nach die Mechanismen aufdecken, mit denen wir diese Entwicklungen unbewusst selbst herbeiführen. Denn solange wir darauf beharren, den Verletzenden immer im Gegenüber zu sehen, geben wir anderen die Schuld und ignorieren unsere eigenen Anteile; so laufen wir Gefahr, immer wieder in ähnliche Situationen zu geraten. Mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage ist es uns kaum möglich, die Position des unbeteiligten Beobachters einzunehmen.

Diese Stellung Chirons lässt vermuten, dass es eine besonders wichtige Beziehung gab, die als verletzend erlebt wurde, vor der wir nicht fliehen konnten oder die wir erst nach langer Zeit verarbeitet haben. Wir begegnen der archetypischen Welt durch andere Menschen, und die damit einhergehenden emotionalen Spannungen und Schmerzen sind ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Auf einer Ebene könnten unsere Beziehungen ein Echo unserer Beziehung zu einem Elternteil sein, doch mit dieser Chiron-Stellung tritt die Heilung oft ein, sobald wir die archetypische Ebene erkennen. Eine Frau, die ich hier Veronica nennen will, hatte Chiron im Skorpion im siebten Haus. Ihre Mutter hatte Sonne in Konjunktion mit Pluto in den Zwillingen. Die Mutter hatte mehrere Nervenzusam-

menbrüche, bei denen sie aus nichtigem Anlass wütende Beschimpfungen von sich gab. Später litt Veronica ständig unter der Angst, dies könne sich bei anderen Menschen wiederholen. Sie war sehr verunsichert, und sie hatte tatsächlich mehrere Beziehungen, in denen ihre Partner ähnliche Ausbrüche zeigten. Im Laufe ihrer Therapie konnte sie die Angst und ihre Wut zulassen und durch Zeichnen und Malen ausdrücken. Eine archetypische Gestalt, die sie als die Tote Frau bezeichnete, tauchte dabei auf: «Die Feindin des Lebens, die ohne Vorwarnung zuschlägt, wenn man es am wenigsten erwartet.» Als sie weiter mit diesem Bild arbeitete, er-kannte Veronica, dass sie sich noch nicht mit dem Tod auseinandergesetzt hatte. Der Tod war immer «da draussen», personifiziert durch ihre Mutter und später durch andere, und wartete nur darauf, sie niederzustrecken. Durch die Arbeit mit dieser Gestalt begann sie, während der Transit-Pluto eine Konjunktion mit ihrem Chiron im siebten Haus bildete, nach und nach ihre eigene Macht zurückzugewinnen.

Mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage werden wir oft zu Phasen der Trennung und Isolation gezwungen. Wir setzen verletzende Beziehungen fort, bis wir eines Tages denken: «Das reicht! Ich habe genug!» Dann lassen wir die Rolläden vor unserem Herzen herunter und schneiden uns von anderen Menschen ab. Doch dieser Rückzug kann durchaus eine schöpferische Phase sein, wenn wir fähig sind, den Raum hinter der Barriere zu nutzen, um unsere Seele zu erforschen und um zu entdecken, was wirklich vor sich geht. Bei dieser Stellung haben wir ein starkes Bedürfnis, uns zu trennen, leisten diesem Bedürfnis aber gleichzeitig heftigen Widerstand. Immer wieder brauchen wir Raum und müssen uns von anderen distanzieren, um zu klären, was wir auf sie projiziert haben. Ein Mann mit Chiron im siebten Haus fühlte sich in seiner Beziehung eingeschränkt, verletzt und nicht anerkannt. Er hatte jedoch Schwierigkeiten, sich der Situation direkt zu stellen und machte sich woanders Luft – er gab den Druck nach unten weiter. Seine Wut machte sich in einigen anderen Beziehungen breit, die natürlich darunter litten und entsprechend belastet und gefährdet wurden. Schliesslich wollte er vor allem fliehen und nur noch allein sein.

Mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage lernen wir viel durch die Konfrontation mit den Schattenseiten unserer Beziehungen: Die Mars-Qualitäten des Widders und des ersten Hauses spiegeln sich hier. Wir lassen uns auf hintergründige Machtkämpfe ein, wollen Beziehungen nur zu unseren eigenen Bedingungen eingehen und setzen rücksichtslos unseren Willen durch. Wir konkurrieren mit anderen, ohne dies wirklich zu bemerken, wir fordern andere unbewusst heraus und provozieren Auseinandersetzungen, um von unserer inneren Spannung abzulenken. Umgekehrt könnten wir auch grosse Angst vor diesen Qualitäten haben und sie bei anderen verurteilen. Doch mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage müssen wir möglicherweise die Tatsache akzeptieren, dass nicht alle Menschen uns mögen können, wenn wir wirklich wir selbst sind, und dass wir noch keine schlechten Menschen sind, nur weil wir einige Feinde haben. Ihr Gefühl für Individualität muss nicht damit fallen und steigen, ob andere Sie mögen.

Wenn wir eine Beziehung zu jemand eingehen, der Chiron im siebten Haus oder in der Waage hat, müssen wir lernen, auf unserem eigenen Grund zu stehen, wir dürfen uns nicht zum Darsteller seines Gegenteils abstempeln lassen. Die Menschen mit dieser Stellung wachsen im Prinzip durch die Herausforderungen in Beziehungen, doch oft verhindern sie ihr Wachstum selbst, da sie gerade in diesem Lebensbereich verletzt sind oder einen blinden Fleck haben. Nicht selten ernten wir giftige Erwiderungen oder eisiges Schweigen, wenn wir bei ihnen diese P3unkte berühren. Tun wir es aber nicht, dann hat die Beziehung nicht lange Bestand. Menschen mit dieser Stellung reagieren sehr empfindlich auf jede Beurteilung oder Prüfung; jede Trennung empfinden sie als persönlichen Angriff, oder sie halten uns für kalt und distanziert. Sie haben grosse Angst davor, irrational und unfair zu sein und geben sich deshalb übermässig diplomatisch und vorsichtig, wenn sie ihre Gefühle ausdrücken. Oft haben sie Angst vor ihren eigenen negativen Gefühlen, die sich jedoch aufschaukeln und in Anschuldigungen niederschlagen können. In der Waage oder im siebten Haus kommt Chiron anscheinend auf einer ganz praktischen Ebene zum Ausdruck, wenn wir dem Bedürfnis, ab und zu allein, getrennt oder ungebunden zu sein, nicht nachgeben: Der Partner oder wir selbst — jeder könnte seine Sachen packen und gehen, obwohl etwas mehr emotioiale Aufrichtigkeit für das Zusammenleben ausgereicht hätte.

Menschen mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage gehen oft enge Beziehungen oder Ehen mit Menschen ein, die als Heiler arbeiten. Sie nehmen manchmal sogar die Rolle des Verletzten an, was in diesem Fall zerstörerische Folgen hat. Menschen, bei denen ein Elternteil oder sogar beide Ärzte, Priester, Heiler oder Lehrer waren, sind in dieser Hinsicht besonders verletzlich. Ein Beispiel ist eine Frau mit Chiron in Konjunktion mit Neptun und Jupiter am MC in der Waage. Sie war die Tochter eines Laienpriesters, und sie heiratete einen Arzt. Sie hatte oft Krisen, brach emotional mehrmals zusammen und entwickelte schwere körperliche Symptome; die Beziehung schleppte sich trotz ihrer eindeutig destruktiven Qualität mehrere Jahre dahin. Wie vorauszusehen, machte ihr Mann, der «Heiler», Karriere, während sie die Rolle der Kranken einnahm! Im Laufe der Ehe hatte sie mehrere heftige Affären, in denen sie selbst die «Heile-in» war oder für den betreffenden Mann als Katalysator wirkte. In diesen Phasen wurde ihr Ehemann auf seine eigenen Verletzungen zurückgeworfen.

Menschen mit Chiron in der Waage oder im siebten Haus haben im Bereich es Heilen viel zu bieten, soweit es um die Qualität einer Beziehung geht. Zwar sind Beziehungen in jeder therapeutischen Situation wichtig, doch diese Menschen zeichnen sich besonders dann aus, wenn die Dynamik einer Beziehung direkt und bewusst bearbeitet wird — ein Beispiel sind Übertragungssituationen, wie sie in der psychoanalytischen Therapie auftreten. Dies ist ein weiteres Beispiel für die Heilung der Wunde durch die Waffe, die sie schlug.

In einer Version der Geschichte nahm Chiron einen verletzten Kentauren in einer Höhle auf. Da die Wunde mit dem Gift der Hydra vergiftet war, infizierte ich auch Chiron und zog sich auf diese Weise seine unheilbare Wunde zu. Menschen mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage, die als Heiler arbeiten, wer-den über ihre Klienten immer wieder mit ihren eigenen Schmerzen konfrontiert. Ein Geschenk dieser Stellung ist der Kontakt mit der menschlichen und der archetypischen Ebene in Beziehungen. Diese Erfahrungen können sehr heilsam sein, und die Menschen mit Chiron im siebten Haus oder in der Waage haben in dieser Hinsicht den Menschen, zu denen sie Beziehungen unterhalten, eine Menge zu bieten — einmal auf der Ebene der Einsichten und andererseits auch, was die Fähigkeit angeht, den anderen «sein zu lassen». Ira Progoff hat Chiron im Widder im siebten Haus. Er war der Begründer (Chiron im Widder) eines Systems, bei dem persönliches psychologisches Wachstum mit Hilfe eines Tagebuchs gefördert wird. Ursprünglich als Jungscher Analytiker ausgebildet, arbeitete er zunächst mit der traditionellen analytischen Arzt/Patient-Beziehung (siebtes Haus). Später begann er jedoch, diese Methode zu hinterfragen. Chiron im Widder entsprechend, musste er seinen eigenen Weg gehen. Diese Stellung symbolisiert auch seine Überzeugung, dass wahres spirituelles Wachstum nur möglich ist, wenn wir uns innerlich und tief auf unsere eigene innere Welt beziehen (Chiron im siebten Haus), ohne von anderen Menschen abhängig zu sein (Chiron im Widder).

In der Orestie erscheint die Göttin Athene als Figur der Versöhnung, Gerechtigkeit und der Achtung für potentiell negative Kräfte. Sie bietet uns ein treffendes Bild für Chiron im siebten Haus oder in der Waage. Athene war für ihren Mut im Kampf ebenso berühmt wie für ihr Wohlwollen im Frieden und ihren zivilisierenden Einfluss. Sie provozierte nie aktiv eine Schlacht, aber sie verlor auch nie. In der Orestie erschlägt Orest seine Mutter, um den Mord an seinem Vater zu rächen, und zieht so den Zorn der Furien auf sich, die ihn erbarmungslos verfolgen und ins Exil und in den Wahnsinn treiben. Schliesslich flieht er in einen Tempel der Athene. Sie setzt ein Gericht ein, das über sein Schicksal entscheiden soll, ein sehr passendes Waage-Szenario. Doch die Abstimmung verläuft unentschieden, und so muss Athene selbst ihre Stimme abgeben: Orest soll freigesprochen und von der Blutschuld befreit werden. Damit zieht sie jedoch den Zorn der Furien auf sich selbst. Da sie ihre Gegnerinnen aber achtet, nimmt sie diese allmählich für sich ein: «Ich werde euren Zorn ertragen. Ihr seid älter als ich.» Sie versichert ihnen: «Kein Haus kann ohne euch gedeihen.» Sie garantiert ihnen einen Platz in der neuen Ordnung, «wo Schmerz und Kummer ein Ende haben» und bittet sie sogar zu bleiben. Schliesslich löst sie durch ihr Mitgefühl und ihre Überzeugungskraft den Zorn der Furien auf, indem sie offen die Ähnlichkeiten zwischen sich selbst und den Furien einräumt und sich bereit zeigt, sie aufzunehmen und zu achten. Mit Chiron in der Waage werden wir in Beziehungen immer wieder mit den Furien konfrontiert, bis wir lernen, ihre Welt einzuschliessen und zu respektieren, ohne uns in sie hineinziehen zu lassen. Denn genau wie das siebte Haus und die Waage eine wichtige Schwelle der Trennung repräsentieren, stehen die Furien für unsere eigenen regressiven Bedürfnisse, und Athenes Umgang mit ihnen ist eine Metapher, die uns weiterbringen könnte.


Melanie Reinhart - Chiron - Buchcover

Melanie Reinhart
Chiron - Heiler und Botschafter des Kosmos
Edition Astrodata, Wettswil, 1993

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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